CFP: Grenzverhandlungen. 

Dynamiken von Markierung und Überschreitung 

Forum Kunstgeschichte Italiens | Düsseldorf, 11.–13. März 2027
Organisation: Anna Magnago Lampugnani, Astrid Zenkert, Valeska von Rosen
Deadline: 31.03.2026

Grenzen sind präsenter und umstrittener denn je. Während im politischen Diskurs oft ein Alltagsverständnis von Grenzen als starre Demarkationslinien (zwischen Staaten, Ideologien, Haltungen, etc.) dominiert, rücken die Geistes- und Kulturwissenschaften Konzepte der Fluidität, Vernetzung und Hybridität in den Fokus. Globale, postkoloniale und posthumanistischen Ansätze stellen die tradierten Logiken territorialer, epistemischer und ontologischer Grenzen auf den Prüfstand. Im Spannungsfeld dieser gegenläufigen Tendenzen von rebordering und debordering ist die Auseinandersetzung mit der Komplexität von Grenzen dringlicher denn je.

Vor diesem Hintergrund wollen wir im 10. Forum Kunstgeschichte Italiens die Grenze als  Gegenstand und theoretische Kategorie des Fachs neu befragen. Welche Potenziale und Perspektiven kann die Kunstgeschichte, und speziell die Italienforschung, in die aktuellen wissenschaftlichen „Grenzverhandlungen“ einbringen?

Zum einen untersucht die Kunstgeschichte materielle Grenzen visueller Artefakte, etwa Konturen, Rahmungen oder architektonische Trennlinien (borders), und verknüpft sie mit sozialen, politischen, religiösen oder kunsttheoretischen, also immateriellen Grenzziehungen (boundaries). In diesem Prozess setzt die Disziplin zugleich neue Grenzen, indem sie bestimmte Räume, Objekte und Deutungsperspektiven zugunsten etablierter Gegenstände und Kategorien ausschließt. Zum anderen fungiert Kunst in vielerlei Hinsicht als Medium der Grenzüberschreitung. Die aktuelle kunsthistorische Forschung untersucht die Grenze weniger als statische Barriere denn als dynamisches Agens: Normverstöße, mediale Transgressionen und Gattungsüberschreitungen machen die Grenze als produktiven Ort der Aushandlung, Transformation und künstlerischen Innovation begreifbar. Die Erforschung von Schwellenräumen und deren ritueller oder performativer Funktion hebt die Grenze als Zone des Übergangs und der Neukonfiguration hervor. Transfers und Hybridisierungen von Bildsprachen akzentuieren die verbindenden und generativen Aspekte von Grenzen.

Welche Grenzen aber setzen wir als gegeben voraus, indem wir Prozesse der Überschreitung beschreiben und wo halten wir dabei unbemerkt an verkrusteten Grenzkonzepten fest? Welche Perspektiven können durch die Tendenz zur „Verflüssigung“ verstellt werden? 

Das Thema „Grenzverhandlungen“ fordert auch dazu heraus, grundsätzlich darüber nachzudenken, wo die Grenzen unserer Disziplin verlaufen, welche Formen der Überschreitung sie ermöglichen und welche sie blockieren. Nicht zuletzt stellt sich für dieses Forum immer wieder die Frage nach den – geographischen und temporalen – Binnengliederungen unseres Fachs und den damit verbundenen Grenzziehungen. Inwiefern lässt sich angesichts der wachsenden Bedeutung globaler und transkultureller Forschungshorizonte die Italienforschung fruchtbar machen?

Mögliche thematische Schwerpunkte und Fragestellungen umfassen u.a.:

  1. Methodik & Theorie: Gibt es genuin kunsthistorische Grenzkonzepte? Was kann unser Fach zu den interdisziplinären Border Studies beitragen? Welche neuen Konzepte kann es umgekehrt daraus aufgreifen (nodale und mobile Grenzkonzepte, selektive Permeabilität, etc.)? 

2.     Materialität & Raum: Wie manifestieren sich Grenzen physisch (Rahmen, Mauern, Schwellen, skulpturale und kartographische Markierungen, Lineamente, Konturen, Ränder, Objektgrenzen, urbanistische Strukturen, wie Plätze, Straßen, Befestigungsanlagen, etc.) und wie funktionieren sie? Wo liegen Grenzen künstlerischer Materialien?

  1. Thematisierung & Diskursivierung: Wie werden Grenzen mit künstlerischen Mitteln reflektiert (Ikonographien der Grenze, Spiel mit Rahmungssystemen und Wirklichkeitsebenen etc.)? Welche Grenzziehungen strukturieren aktuelle und historische Kunst-Diskurse (Disegno-Konzepte, Kunst-Geographien, etc.)? Wie werden sie problematisiert und kritisiert?
  2. Liminalität & Transformation:  Wo und wie werden Grenzen zu Zonen des Übergangs und der Verwandlung gestaltet (künstlerische Steuerung performativer und ritueller Praktiken der Grenzüberwindung, etc.). Wo weiten sich Grenzen zu Grenzlandschaften (borderscapes)?
  3. Transgression & Transfer: Welche produktiven und innovativen Dynamiken werden durch institutionelle, territoriale und soziale Grenz-Systeme und ihre Überschreitung in Gang gesetzt (Verstöße gegen Normen, Gattungs- und Mediengrenzen, Überschreitung sozialer Stratifikationen, kulturelle Hybridisierungen, Austauschprozesse von Bild-und Architektursprachen, Motiven und Techniken, Zirkulationen von Objekten, Akteur:innen und Konzepten, usw.)
  4. Rezeption & Präsentation: Wie determinieren Epochen-Einteilungen, Rahmen, Ränder und Raumgrenzen die Wahrnehmung von Kunst? Wie wird in Museen, Kirchen, Gärten inkludiert und ausgegrenzt?
  5. Kanon & Kritik: Welche Grenzen formen Urteile über Kunst, wie wird künstlerische Anerkennung durch Grenzregulierung vermittelt? Wer agiert als gatekeeper?
  6. Italienforschung im Fokus: Inwieweit sind Konzepte kultureller oder nationaler Entitäten als Forschungsrahmen vor dem Hintergrund einer fortschreitenden Deterritorialisierung kunsthistorischer Narrative noch tragfähig?



Call for Papers

Das 10. Forum Kunstgeschichte Italiens lädt Wissenschaftler:innen aller Karrierestufen ein, Vorschläge für Sektionen (mit 3-4 Beiträgen) oder für 20-minütige Einzelvorträge einzureichen. Einreichungen von Doktorand:innen sind besonders willkommen. Wir begrüßen Beiträge, die theoretische Reflexionen mit konkreten Fallbeispielen aus der italienbezogenen Kunstgeschichte verbinden. 

Einreichungsmodalitäten:

Kosten für Übernachtung, An- und Abreise von Sektionsleitenden und Vortragenden werden vorbehaltlich der Einwerbung von Drittmitteln übernommen.

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